Redakteur: Roman Golub

2019 war für Tonchirurgie das Jahr der monatlichen Realisation von Musikvideoprojekten. Wir werden in diesem Rückblick die Hintergründe erfahren und Einblick in die Arbeit von Tonchirurgie bekommen. Dieses ist der sechste Teil einer sechsteiligen Interviewserie

 

 


Tonchirurgie - Interaktive Musikkultur - Teil 6: Mythen und Märchen (Videos: „Crystal Heart“ und „Waves“)

 

 

 

Spaß und gute Stimmung beim Videodreh von Crystal Heart (links Wiba Bernstein, rechts Dr. Singheiser)

 

 


Zunächst einmal „Ein herzliches Willkommen“ an alle unsere Leser*innen und natürlich auch an Tonchirurgie! Was habt ihr uns mitgebracht?

 

Frau Dr. Glühfinger: Zunächst nutze ich die Gelegenheit für ein Dankeschön, dass wir diese Interviewreihe beim BBU machen durften und auch für die zahlreichen Rückmeldungen zu den vergangenen fünf Interviews dieser Serie!!!
In der letzten Folge aus dem Videojahr 2019 bringen wir euch etwas Besonderes: Mythen und Märchen. Mythen und Märchen sind ein immer wiederkehrendes Element in der Menschheitsgeschichte. „Menschen waren immer Geister und Götter dichtende Wesen“ schreibt Peter Sloterdijk. Mit Hilfe von Mythen und Märchen machen wir Türen auf in eine fantasievolle Welt, die anders und schöner als die Realität sein kann. Menschen fühlen sich in einer zunehmend technisierten Welt fremd und oft unwohl und bemühen dann solche Fantasiewelten mit unterschiedlichsten Formen. Tonchirurgie kreierte ein Märchen mit den Videos „Crystal Heart“ und ein mystisches Feuerritual mit „Waves“.

 

 

 



 

 

 


Mit wem fand die Kooperation dieses Mal statt?

Frau Dr. Glühfinger: Unser langjähriger Sänger Dr. Singheiser (aus der Dark Rock Phase) hatte einen schönen Text für das Projekt und so war er sofort im Labor! Wiba Bernstein hatten wir im Rahmen des Black Heart Festivals kennengelernt, wo sie bei Drachenflug (Steampunk) mitwirkte. Da sie Geige spielen kann und sie Lust auf das Projekt hatte, kam die Kooperation schnell zustande.

 

 

 


Woran erinnerst du dich Wiba?

Wiba Bernstein: Es ist nun schon fast zwei Jahre her, dass ich mich mit Frau Dr. Glühfinger, Prof. Dr. Morpheus und Dr. Singheiser von Tonchirurgie in Ahrensburg getroffen habe, zum gemeinsamen Videodreh vom Song „Crystal Heart“. Abgesehen davon, dass es ein sehr kreativer Tag mit vielen schönen Erinnerungen war, sind mir drei Dinge besonders im Gedächtnis geblieben: der heftige Regen zu Beginn, irgendwann war der Saum meines Rockes und der des Mantels so voller Wasser gesogen, dass auch meine Schuhe nicht mehr dicht hielten (ein Wunder, dass die Locken gehalten haben); die Szenen vor dem Ahrensburger Schloss, die zum Teil immer wieder gedreht werden mussten und mit einigen Wartezeiten verbunden waren, da wir uns scheinbar einen Ort ausgesucht hatten der sonntags sehr gerne von Rentnern mit Rollatoren besucht wurde und dann noch die leckere und lustige Kuchenpause gegen Ende. Frau Dr. Glühfinger hatte heißen Kaffee in Thermoskannen dabei zum Aufwärmen und sehr leckere Muffins gebacken, mit denen wir uns stärken konnten.
Ebenfalls erinnere ich mich noch gut an mein erstes Telefonat mit Prof. Dr. Morpheus: „Ist es richtig, dass du Geige spielst? Könntest du diese auch zum Dreh mitbringen?“ „Oh, naja…ich habe schon lange nicht mehr gespielt. Die Geige ist irgendwo auf dem Dachboden. Ich hoffe die Saiten sind noch intakt und nicht gerissen.“ Einiges an Absprachen und Planung stand noch an. So bekam ich zum Beispiel den Solopart der Geige als Tondatei zugeschickt um ein wenig üben zu können.

 

 

 

 


Wiba spielt trotz Regen konzentriert.

 

 

 

 


Dein tolles Kostüm kam vom Verleih oder besitzt du es auch?

Wiba Bernstein: Ich plante mit Tonchirurgie welches Kostüm hier gut passen würde. Dies sollte allerdings das kleinste Problem darstellen, da auf meinem Dachboden neben der Geige auch noch 16 Jahre Theater- und Kostüm-Sammelleidenschaft lagern und die Auswahl daher groß ist. Seit ich etwa 14/15 Jahre alt war habe ich angefangen mich immer mehr für Kostüme – sei es in die Mittelalterrichtung oder anders historisch – zu interessieren. Mit etwa sechs Jahren habe ich mir auch autodidaktisch das Nähen beigebracht und mittlerweile (wenn auch leider nicht so schnell und einwandfrei wie ein Profi) fertige ich auch gerne Schnittmuster an oder nähe auch mal ein Korsett. Da ich diese Kleider und Kostüme natürlich auch gerne trage, freue ich mich immer wieder wenn mal ein Fotoshooting ansteht oder wie in diesem Fall ein Musikvideo. Was die Kostüme angeht probiere ich gerne auch aus! Ich kombiniere gerne Gekauftes mit Selbstgenähtem, ändere Kleidungsstücke um, was man heutzutage auch als Upcycling bezeichnet und peppe alles mit passenden Accessoires auf bis hin zu Gesichtsschmuck (kleine Strass Steinchen etc.). Meine Leidenschaft des Upcyclings konnte ich früher auch durch die Band Drachenflug, in der ich 5 Jahre lang gesungen habe, ausbauen. Steampunk eignet sich hierfür hervorragend und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.
An dieser Stelle ein lieber Gruß und Dank an Michael Dunkelfels von Drachenflug (https://www.drachenflug.band) für die erfolgreiche Kontaktvermittlung!

 

 

 

 


Wie würdest du die Beziehung zu deinem Instrument beschreiben?

Wiba Bernstein: Mit dem Geige spielen habe ich erst recht spät begonnen, da früher leider weder Geld noch Zeit vorhanden waren. Meine schwarze E-Geige (die ich als Übungsgeige habe) und die auch im Video zu Crystal Heart zu sehen ist, hatte ich 2012 von meinem mittlerweile Mann zu Weihnachten bekommen und er erfüllte mir damit einen langjährigen Traum! So begann ich einmal die Woche für einige Jahre Geigenstunden zu nehmen.

 

 

 

 


Wie siehst du die Story und deine Rolle bei „Crystal Heart“?

Wiba Bernstein: Die Rolle, welche ich im Video verkörpere, ist die einer Frau bzw. Traumgestalt, die nur in den Gedanken von der männlichen Hauptfigur existiert. Eine Art Tagtraum findet statt, genährt durch Sehnsucht und dem Wunsch nach Zweisamkeit.

 

 

 

 

Tagtraum oder Realität? Im Hintergrund die Passanten…

 

 


Wir hatten uns für ein viktorianisch angehauchtes Kostüm entschieden, was meiner Meinung nach sehr gut passt, da es nicht nur sehr verspielt und romantisch wirkt, sondern indirekt auch dadurch, dass es aus einer anderen Epoche stammt, die Distanz der beiden Personen aufzeigt und deutlich macht, dass diese so niemals zusammen finden werden (vom Kostüm her gesehen ist ein zeitlicher Unterschied zu der männlichen Hauptfigur zu sehen). Dieses wird auch im Video deutlich. Beide Akteure sind sich ihres Schicksals bewusst, was auch durch die Melancholie im Stück und die Stimmung aller Figuren im Video sehr deutlich zum Ausdruck kommt. Die Geige ist ein zusätzlich gut gewähltes Stilmittel um die vorherrschende Sehnsucht zu untermalen.

 

 

 

 


Was möchtest du noch zum Video berichten?

Wiba Bernstein: Nach wie vor bin ich sehr beeindruckt von dem ganzen Engagement welches Tonchirurgie in dieses Jahresprojekt (12 Monatsvideos) investiert hat – ich bekam sogar vorher noch einmal Post mit einem Dreh-Plan. Wann, was, wo gedreht wird und auch nach welchem Ablauf und zu welcher Zeit. Nicht zu vergessen die kleinen Bilder mit denen Morpheus seine von Hand gemalten Pläne noch anschaulicher und netter gestaltete. Ich vermute mal, dass jedes der Videos mit so viel Zeit, Liebe und Professionalität entstanden ist und daher ziehe ich auch hier noch einmal den Hut vor euch Tonchirurgen!
Vielen Dank, dass ich ein Teil dieses Projekts sein durfte!

 

 

 

 


Dr. Singheiser spielte die männliche Hauptfigur in „Crystal Heart“ Was bedeutet der Songtext für dich?

Dr. Singheiser: Der Text zu „Crystal Heart“ ist schon vor längerer Zeit entstanden. Unerfüllte Liebe ist etwas Trauriges. Ich denke fast jeder kennt dieses Gefühl. So natürlich auch ich. Und so entstand der Text auch in einer Phase der Verliebtheit, leider ohne Happy End! Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht zu Ende.

 

 

 

 


Wie findest du die Umsetzung des Songs zu einem "Film"?

Dr. Singheiser: Ich hätte mit diesem Ergebnis in der Form so nicht gerechnet. Einen sehr großen Anteil daran hatte aber Wiba. Ich bin kein ausgebildeter Schauspieler. Durch ihre Professionalität hat sie dem Video Niveau verliehen!
Wir hatten auch noch ein paar andere Ideen zu diesem Text, aber ich glaube wir sind uns alle einig, dass das Ergebnis so wie es geworden ist großartig ist.

 

 

 

 


Was möchtest du sonst noch zum Projekt berichten?

Dr. Singheiser: Ich arbeite sehr gerne mit den Tonchirurgen zusammen, weil es einfach immer viel Spaß macht und das Ergebnis großartig wird. Professionelles Arbeiten und ganz viel Spaß vor, während und nach einem Projekt. Mehr geht nicht. Ich wünsche mir für Tonchirurgie noch viele erfolgreiche Jahre. Und vielleicht mal wieder ein gemeinsames Projekt.
Und noch ein paar Worte zu Wiba. Wir kannten uns vorher nicht. Und trotzdem hat alles auf Anhieb funktioniert. Das war eine schöne Erfahrung. Und ich denke gerne an unseren gemeinsamen Tanz für das Video zurück!

 

Frau Dr. Glühfinger: Man muss dazu sagen, dass die Wiese mit der Kulisse des Ahrensburger Schlosses hinter dem Wassergraben leicht „angesumpft“ war, da es kräftig geregnet hatte. Deshalb ist es umso schöner, wie unbeschwert die Bewegungen unserer beiden Protagonisten rüberkommen!

 

 

 

 

In dieser Tanzszene aus Crystal Heart sind Wiba Bernstein und Dr. Singheiser trotz feuchtem Boden dynamisch dabei.

 

 

 

 

Welche dritte Figur sehen wir am Anfang von „Crystal Heart“?

Das ist Anja Krebs alias Fire Anima, die die Hauptfigur zu Beginn der Geschichte in Trance versetzt. Anja drehte mit Tonchirurgie auch „Waves“, dann können wir ja den Sprung zu diesem Projekt jetzt machen!

 


Prof Dr. Morpheus lacht und sagt: „Und dann ist da ja noch eine vierte Person im Video zu sehen, Du selbst, Frau Dr. Glühfinger!“

Sie ist die Komponistin des Songs und hat den Flügel live eingespielt. (Vielen Dank für die Unterstützung an dieser Stelle nochmal an die Kulturwerkstatt Hamburg.)

 

 

 

 



Kulturwerkstatt Hamburg: Frau Dr. Glühfinger spielt am Flügel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Sind Schallwellen mit diesem Video angesprochen?

Frau Dr. Glühfinger: Nein, nicht nur, aber auch. (Sie lacht) „Waves slip continuously.“ ist eine Textzeile, die Prof. Dr. Morpheus mit seiner angenehmen Stimme im Song singt. „Die Wellen überschlagen sich unaufhörlich“, könnte das frei übersetzt werden.
Das Leben selbst besteht aus Wellen. Mal ist man oben auf und surft auf ihr und die Strömung reißt einen förmlich mit, mal kommt man gefühlt unter die Welle und weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. (Als Wellenreiterin habe ich das mal im französischen Atlantik erlebt.)
Also, Wellen gibt es überall, aber natürlich auch in der Musik, deshalb sind wir ja Tonchirurgie, weil wir gern mit Schallwellen operieren.

 

 

 

 Frau Dr. Glühfinger während unserer DARK SECTRETS TOUR

 

 

 

 

Auf welche Art sind diese Wellen Thema für Tonchirurgie?

Prof. Dr. Morpheus: Neben den Soundthemen gibt es Bereiche, die mit der menschlichen Existenz selbst zu tun haben. Wir Menschen nehmen täglich an einer Pendelbewegung teil, die unsere inneren Welten mit unserer äußeren Welt verbindet.

 

 

 

 


Wie greift da der Begriff „Mythen“?

Prof. Dr. Morpheus: Man kann in dem Video „Waves“ ein mystisches Feuerritual sehen. Im Sinne einer Rückbesinnung auf eine vergangene Zeit, die keine künstlichen, technoiden Konsum-Komfortzonen kannte. Es besteht eine Sehnsucht nach einer „heilen“ Welt, die es wohl aber auch nie gab oder geben wird. In „Mythen“ stecken gedichtete Welterklärungsmodelle, es gibt verschiedene.
Wir verwendeten diese Anmutungsqualität, weil wir diese Sehnsucht teilen, indem wir Mythen und Märchen hier als Stilmittel verwendet haben.

 

 

 

 

Fire Anima zeigt ihre außergewöhnliche Performance.

 

 

 

 


Ist das Video also ein Aufruf, umzukehren?

Prof. Dr. Morpheus: Als Kunstschaffende sind wir ungern die, die zu bestimmten Verhaltensweisen aufrufen wollen. Vielmehr versteht sich Tonchirurgie als mit ethisch-sozialem Anspruch agierende Künstler*innen-Gruppe, die zum Nachdenken anregen möchte.
„Waves“ symbolisiert für mich die Pendelbewegung in die innere Welt. Jeder Mensch wird dort etwas anderes vorfinden, jede/r trifft Entscheidungen für das eigene Leben. Die Begriffe “Wachstum“ und „Fortschritt“ sind oft gleichgesetzt mit Begriffen wie „Qualität“, „Komfort“, „Sicherheit“ usw., dabei brennt der Keller, während wir weiter das Schloss in den Himmel bauen. Wer geht denn mal nach unten und löscht?

 

 

 

 

Anja Krebs alias Fire Anima

 

 

 

 


Wie war die Zusammenarbeit mit Fire Anima?

Prof. Dr. Morpheus: Anja Krebs haben wir im Netz entdeckt, sie ist auch manchmal mit einem Drachen unterwegs und war mit ihren Feuerthemen genau richtig für dieses Projekt! Wichtig war ihr die Musik, wir boten Songs an und dieser wurde dann ausgesucht. Anja ist sehr professionell und brachte ihr ganzes Feuerspektakel mit. Am Strand wurde dann zur zwischenzeitlichen Aufwärmung ebenfalls ein Feuer gemacht und auch Dr. Singheiser half tatkräftig mit! Zum Grillen war es zu kalt, aber wir hatten Spaß, allen Widrigkeiten zum Trotz! (12° C Grad Wassertemperatur)

 

 

 

 


Was verbirgt sich hinter dem Namen Fire Anima?

Anja Krebs: Ich bin eine Feuerseele durch und durch, also wählte ich daher den Namen auf Latein: Fire Anima.

 

 

 

 

Hast du Erinnerungen an den Drehtag?

Anja Krebs: Außer den kalten Beinen vom Wasser, ist die tolle Umsorgung von Tonchirurgie und der Mega Spaß im Kopf hängen geblieben, den wir zusammen hatten.

 

 

 

 

Gibt es Wünsche oder Pläne für das Jahr 2021?

Anja Krebs: Wünsche hat man immer, vor allem dass in diesem Jahr alle meine Kollegen und Freunde in der Künstlerbranche wieder normal arbeiten können und gesund bleiben!


Frau Dr. Glühfinger: Liebes BBU-Team und lieber Roman, vielen Dank für die Interviewreihe!
Prof. Dr. Morpheus: Wir wünschen allen Leser*innen und dem BBU-Team, dass sie gut durch diese schwere Zeit kommen!

 

 

 

 

 

 

 


Weitere Infos:

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